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Gerrit Eicker  0700/eWerxcom  0700@eWerx.com

14/05/2004 [#] Media | Weblogs

Medien[r]evolution

Ann Moore, Chefin des US-Verlages Time, sieht "in der Verbreitung unkontrollierter Medien an Orten wie dem Web eine größere Gefahr, als in der derzeitigen Konzentration der Medienindustrie". Dagegen meint Ute Miszewski, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Spiegel-Gruppe: "Weblogs stellen keine Gefahr für den professionellen Journalismus dar." - Eine explorative Untersuchung am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster versucht erstmals, dem Phänomen auf den Grund zu gehen, und hinterfragt den journalistischen Charakter von Weblogs, Portalen und P2P-Plattformen.


Prof. Dr. Christoph Neuberger, dessen Forschungsschwerpunkte sich über die Bereiche Online-Journalismus, Internetöffentlichkeit, Engagement von Presse und Rundfunk im Internet, Arbeitsmarkt und Qualifizierung im Journalismus und Journalismustheorie erstrecken, konstatiert in onlineJournalismus.de zunächst auch die geringe theoretische wie auch praktische Aufmerksamkeit, die reinen Onlinemedien zurzeit entgegengebracht wird:

"Ist vom Journalismus im Internet die Rede, so sind meistens die Websites von Presse und Rundfunk gemeint. Dass daneben Angebotstypen im Internet entstanden sind, die ebenfalls aktuelle Informationen und Meinungen sammeln, prüfen und verbreiten, auch wenn sie andere Strukturen als der traditionelle Journalismus besitzen, hat bisher noch wenig Beachtung gefunden."

Wahrscheinlich ist auch die Aussage von Miszewski hierauf zurückzuführen: Anders als in den USA, wo geschätzt allein eine Millionen Weblogs betrieben werden, sind es in Deutschland vielleicht 5.ooo Autoren außerhalb der klassischen Medienindustrie, die Informationen und Meinungen selektieren, publizieren und diskutieren. Andererseits darf man bei Moore natürlich nicht vergessen, dass Weblogs möglicherweise auch schlicht als praktisches Konzentrationsargument in die Diskussion geworfen werden, was in Deutschland sicherlich noch Nachahmer finden wird.

Bemerkenswert an Neubergers Untersuchung ist zunächst das eigene Rollenverständnis der befragten Autoren von Weblogs, Portalen und P2P-Angeboten. Wichtig ist insofern, dass Angebote, die sich ausschließlich Persönlichem widmen, nicht einbezogen wurden:

"Die meisten Blogger und P2P-Anbieter sahen eine Nähe zwischen ihren Angeboten und dem Journalismus: Das Statement 'Angebote des Typs haben nichts mit dem Journalismus zu tun' wurde von 86% (P2P) und 82% (Weblogs) der Befragten abgelehnt. Auch die Anbieter von Portalen stimmten zu fast zwei Dritteln (63%) der Aussage zu, dass sie eine 'journalistische Aufgabe' übernehmen. Die befragten Anbieter haben also ein journalistisches Rollenverständnis. Dass sie eine 'neue Art' von Journalismus betreiben, meinten 86% der P2P-Anbieter und fast zwei Drittel (64%) der Blogger."

Doch was ist der Kern dieser 'neuen Art' von Journalismus? Wodurch unterscheiden sich die Angebote von klassischen Medienanbietern?

"Stärken der Weblogs sahen die Blogger selbst im leichten Zugang zum Autor (95%), dessen persönlicher Perspektive (90%), dem vielfältigen (65%) und intensiven (70%) Meinungsaustausch ... Dagegen wurde dem traditionellen Journalismus zugute gehalten, Themen tiefer zu behandeln (57%) und neutraler zu berichten (65%). In Bezug auf die Relevanz (53%), Richtigkeit (54%) und Vielfalt (50%) der Informationen sowie beim Service (56%) sah jeweils mehr als die Hälfte der Befragten keine gravierenden Unterschiede."

Neuberger klassifiziert diese Selbsteinschätzung in Media Perspektiven als "Renaissance der 'publizistischen Persönlichkeiten' ... die aber nicht mehr wie früher durch ein starkes Elitebewusstsein gekennzeichnet sind, sondern im Gegenteil dadurch, dass sie offen gegenüber ihren Lesern sind und die Diskussion mit ihnen suchen." - Man sollte in diesem Zusammenhang natürlich nicht vergessen, dass klassische Medien, schon aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen, den Weg zum Leser heute stärker suchen als je zuvor: Gerade in den Onlineablegern ihrer Publikationen, die diese Idee auch technisch realisierbar machen.

Und selbst konventionelle Printtitel haben mittlerweile Wege gefunden, näher am Leser zu sein, als sich dies vor 1o Jahren ein Verleger hätte vorstellen können. Letztendlich gibt es allerdings doch einen gravierenden Unterschied auf der persönlichen Ebene: Namentlich Weblogs, die von einem einzelnen Autor geschrieben werden, sind zwangsläufig in Inhalt und Stil individueller, als dies ein Konglomerat an Journalisten und Redakteuren unter einem gemeinsamen Dach realisieren könnte.

Ein weiterer entscheidender Differenzierungsfaktor, der namentlich dem traditionellen Journalismus unterstellt und als besonderes Merkmal hervorgehoben wird, ist die Gatekeeper-Funktion. Hier konnte Neuberger einen gravierenden Unterschied zu Weblogs + Co. herauskristallisieren:

"Diese Aufgabe übernehmen in den Massenmedien die Redaktionen, die bereits vor der Veröffentlichung Informationen und Meinungen prüfen. Bei Weblogs und P2P-Angeboten ... geschieht diese Prüfung erst nach der Veröffentlichung. Das heißt: Alles, was auf den Seiten zu lesen ist, gilt als vorläufig und unfertig. Es steht unter dem Vorbehalt einer genaueren Prüfung durch die Nutzer und andere Anbieter."

Ein einzelnes Weblog oder besser: der einzelne Autor delegiert mithin die Evaluation seiner Informationen, Nachrichten und Meinungen an die Allgemeinheit. In Form des Lesers kann häufig eine öffentliche Kommentierung der Beiträge erfolgen. Darüber hinaus übernehmen andere Weblogs durch eigene Kommentierungen und vor allem: Verlinkungen eine zusätzliche Evaluation und Aufmerksamkeitssteigerung. Oder anders gesagt:

Was letztendlich an die Oberfläche kommt, also von einer größeren Leserschaft registriert werden kann, unterliegt nicht nur vielen Gatekeepern in Form anderer Weblogs, sondern ergänzend auch der öffentlichen Meinung der unmittelbaren Leserschaft. - Neuberger hält daher die Bezeichnungen "Individualjournalismus" und "partizipatorischen Journalismus" für besonders zutreffend.

Zurück zu den Extrempositionen von Moore und Miszewski: Während Moore die Faktoren Marke, Reichweite und Anpassungsfähigkeit traditioneller Medien völlig außer Acht lässt, übersieht Miszewski das partizipatorische Interesse vieler Leser als auch die Rückkopplung von traditionellem und partizipatorischem Online-Journalismus. Es sind schließlich nicht nur Weblogs, die sich auf die Artikel der klassischen Medien beziehen, diese kommentieren und vertiefen, sondern ebenso Journalisten traditioneller Medien, die auf News und Meinungen von Weblogs zurückgreifen und diese reflektieren.

Eine Medienrevolution ist nicht in Sicht. Eine Medienevolution allerdings in vollem Gange. Nutznießer dieses Wandels ist der Leser, denn ihm stehen alle kommunikativen Möglichkeiten offen: Möchte er sich stärker beteiligen, kann er dies [zukünftig wohl noch häufiger] direkt auf Seiten der traditionellen Medien oder im Rahmen des originären partizipatorischen Journalismus. Im Extremfall startet er sein eigenes Weblog. Wird hingegen eine intensivere Beschäftigung mit einem speziellen Thema gewünscht, steht eine bisher unbekannte Vielzahl von Quellen und Portalen zur Verfügung. - Letztendlich ist dies auch ein Gewinn für die klassischen Medien: Denn während die Informationsdichte steigt, werden viele Leser die 'sichere' Gatekeeper-Funktion eher dort als im emergenten System der Weblogs suchen.


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