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Gerrit Eicker  0700/eWerxcom  0700@eWerx.com

10/07/2004 [#] Weblogs | Wissen

OST: Open Space Technology

Der BlogWalk 3.0 förderte nicht nur Erkenntnisse und viele weiterführende Fragen über das Networking innerhalb der Blogosphäre zu Tage, sondern transferierte durch das Konferenzdesign der Open Space Technology von Harrison Owen die Vorzüge des Dialogs und der Konversation via Weblog im Internet geradezu spiegelbildlich in die Meeting-Situation im Real Life. Weblogs sind virtuelle Open Space Technology. Die Vorteile in aller Kürze: Open Space schafft 'Raum' für neue Ideen, für selbstbestimmtes Arbeiten, weit reichende Lernerfahrungen und nicht zuletzt für jede Menge Spaß und Begeisterung. Owen, der als Begründer von OST gilt, schreibt in Open Space Technology:

"OST ist nicht das gesetzlich geschützte Eigentum von H. H. Owen. Das hat nichts mit Altruismus oder ... reiner Verrücktheit zu tun. Es handelt sich eher um eine einfache Anerkennung der Wahrheit: Open Space Technology [ist] nicht das Eigentum einzelner Personen, sondern [gehört] allen Menschen." [S.13]

Das Revolutionäre am OST-Konferenzdesign nach Owen wird unmittelbar an den vier Grundsätzen und dem einen Gesetz deutlich, die zeitgleich die verblüffende Einfachheit widerspiegeln: 1. Wer immer kommt, es sind die richtigen Leute. 2. Was immer geschieht, ist das einzige was geschehen kann. 3. Es fängt an, wenn die Zeit reif ist. 4. Vorbei ist vorbei. - Das eine und essentielle Gesetz ist das 'Gesetz der zwei Füße':

"Wer im Laufe der Veranstaltung feststellt, dass er sich in einer Gruppe befindet, in der er nichts lernt und zu der er nichts beiträgt, soll seine zwei Füße benutzen und sich zu einem Ort begeben, wo er produktiver sein kann. Dieses Gesetz erscheint vielleicht etwas unhöflich, aber es hat vier sehr wichtige und nützliche Wirkungen: [1.] ist es fatal für alle Egoisten, die überzeugt sind, dass sie im Besitz der einzig gültigen Wahrheit sind, ... [2. siedelt] es die Verantwortung für die individuelle Lernerfahrung oder den individuellen Beitrag genau dort [an], wo sie hingehört - beim Einzelnen. ... [3. sorgt] es für eine wechselseitige Befruchtung ... [und 4. schaffte es] Oasen der Ruhe." [S.111ff.]

OST eignet sich dabei besonders für Situationen, in denen sehr unterschiedliche Menschen verschiedener Hierarchiestufen oder Kulturkreise innovativ, kreativ, effektiv und effizient mit komplexen und potentiell konfliktträchtigen Themen umgehen müssen. Open Space Technology ist zukunftsorientiert und wenig sinnvoll für Themen, bei denen Einwände, Diskussionen oder Veränderungen tatsächlich nicht [mehr] notwendig sind.

"OST wird von zwei fundamentalen Kräften angetrieben: Verantwortung und Leidenschaft. Ohne Leidenschaft hat niemand Interesse. Ohne Verantwortung erhält man keine Ergebnisse. ... Freiwilligkeit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Leidenschaft und Verantwortung voll zur Geltung kommen. Nur Dummköpfe melden sich freiwillig für eine Sache, die sie nicht verstehen oder die ihnen gleichgültig ist. ... Damit OST funktioniert, müssen Menschen ihre Arbeit tun, weil (und ausschließlich weil) sie es wollen. Anders ausgedrückt: Freiwillige Selbstauswahl ist die absolute conditio sine qua non für die Teilnahme an einer Open-Space-Veranstaltung. ... OST wurde erfolgreich bei Gruppen von 5 bis 1.ooo Teilnehmern für eine direkte Interaktion eingesetzt." [S.34ff.]

Open Space Technology, dass 1991 in der Originalausgabe und 1997 in der 2. erweiterten Auflage erschien, ist tatsächlich "Ein Leitfaden für die Praxis", denn es beschreibt detailliert die Durchführung von Meetings oder Konferenzen, den möglichen Einsatz von unterstützender IT und gibt spannende Ausblicke auf den möglichen Einsatz in Marktforschung, Produktentwicklung oder als Instrument der Intervention in Organisationen:

"Die lernende Organisation ist interaktiv, weil sie im ständigen Dialog mit ihrem Umfeld steht. Sie begrüßt die Herausforderungen des Chaos, die von der Umwelt aufgeworfen werden, und begreift sie als Chance zum Wachstum oder zur Evolution, was heißen will, sie lernt. In einem solchen offenen System ist Kontrolle, wie wir sie früher verstanden haben, nicht nur unmöglich, sondern nicht einmal wünschenswert. Denn diese Art der Kontrolle zwingt uns, Türen und Fenster vor dem Wandel zu verschließen, um die Fiktion aufrechtzuerhalten, dass wir das Heft in der Hand haben. Wenn wir das tun, verhindern wir das Lernen." [S.178]

Jeder, der sich bereits intensiver mit Weblogs beschäftigt hat, wird die Parallelen nachvollziehen können: Weblogs sind virtueller Open Space. Wer sich freiwillig eines Themas annimmt, macht dies aus Leidenschaft und übernimmt Verantwortung für dieses Thema, in erster Linie für sein persönliches Wissensmanagement. Oder kurz gesagt: Das Weblog als Workshop im Rahmen der OST. Wer bereits an einer Open-Space-Veranstaltung teilgenommen hat, kann die Blogosphäre auf diesem Wege einschätzen und findet in der umfangreichen praktisch wie wissenschaftlich orientierten Literatur zur OST einen reichhaltigen Fundus gerade auch zum Einsatz von Weblogs und den theoretischen Hintergründen von Motivationen und allgemeinen Zusammenhängen. Owen selbst beschreibt ein interessantes Beispiel einer Computerkonferenz, sicherlich ohne dabei an Weblogs zu denken:

"Nach Abschluss des direkten Austauschs zwischen den in Goa und Berkley Springs anwesenden Teilnehmern wurde die Konferenz noch drei Monate lang auf elektronischem Wege fortgesetzt. Wir versuchten, sie zu stoppen, aber die Diskussion wurde so leidenschaftlich geführt, dass es kein Halten gab. Als wir schließlich unseren Abschlussbericht veröffentlichten, stammten die besten Gespräche und tatsächlich der größte Teil der Beiträge aus der Zeit nach dem Ende der eigentlichen Konferenz. ... Zeit und Raum bedeuten nicht mehr ganz dasselbe wie vorher. Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, zum Beispiel für die strategischen Planungsaufgaben einer Organisation. ... Jeder, der einen Beitrag leisten möchte, ist [beim Einsatz von OST in Verbindung mit einer Computerkonferenz] willkommen, und man bewirkt ein Höchstmaß an Beteiligung und Engagement." [S.67f.]

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