16/08/2004 [#] Media | PR | Weblogs | Wissen
Definitionen sind eine heikle Angelegenheit, denn während sie Externen mehr Klarheit verschaffen können, schränken sie auf der anderen Seite den Spielraum ein und sorgen für Diskussionsstoff. Markus Breuer schreibt daher für blogos|fear zum Thema Weblogs völlig zu Recht:
"Die Ausdrucksform 'Weblog' ist aber keinesfalls 'gut' per se oder ein anzustrebendes Ideal, eine Art Krone der Schöpfung. Im Gegenteil. Sie ist extrem eingeschränkt und viele Leute, die sich ernsthafter mit Personal Web Publishing beschäftigen, stoßen täglich vor diese Grenzen. ... Wer braucht ein Kriterienraster 'Was ist ein (richtiges) Weblog (2004)?"
Menschen, die bereits selbst bloggen, also Teil des Systems Blogosphäre sind, wissen, dass Weblogs nur eine Möglichkeit für Personal Web Publishing [PWP] sind. Aber gerade hier in Deutschland ist nur eine winzige Minderheit Teil des Systems. Die Mehrheit fragt also völlig zu Recht: Weblog ... oder doch nur Website?
Denn warum sollte man sich mit etwas Neuem beschäftigen, das auf den ersten Blick doch nur ein Aufguss des Alten zu sein scheint? Etwa eine leichte Modifikation von Newssites oder Diskussionsforen. Wenn auch vielleicht optisch anders dargestellt und mit einer Technologie namens 'Webfeed' unterfüttert, welche heute allerdings auch von Newssites und Diskussionsforen angeboten werden? Wenn also nach der Differenz gefragt wird, ist diese Frage nicht nur völlig legitim, sondern, in Anbetracht der Frequenz, eine Antwort herausgefordert, die über Optik und Technologie hinausgeht. Denn diese Antwort klingt wie: 'Das Internet ist ein dezentrales Computernetzwerk, basierend auf dem TCP/IP-Protokoll.' Selbst wenn sie in gewisser Weise richtig ist, erklärt sie das Phänomen Internet nicht einmal ansatzweise. Die Antwort der klassischen Medien: Es handele sich um Tagebücher, die im Web öffentlich zugänglich sind, trifft es dann schon besser.
Aber auch diese Antwort erklärt das Phänomen Weblogs nicht: Weder die Ursache für Millionen Weblogs, noch deren zwei- bis fünfmal so vielen Leser und Teilnehmer. Und richtigerweise liegt diese Ursache höchstwahrscheinlich im Punkt PWP. Übrigens für Dritte ein weiterer unbestimmter Begriff, so wie etwa TCP/IP. //Dialogs.Organized [PDF] versucht daher, diesem Begriff etwas mehr Leben einzuhauchen, um eine Alternative zu folgender häufiger Antwort zu geben: 'Einfach mal ausprobieren!' Zweifelsohne wird der Nutzen von Weblogs am schnellsten wahrnehmbar, wenn ein eigenes Weblog geführt wird. Dies ist allerdings für viele, die zunächst wissen wollen, worum es eigentlich geht und was sie persönlich von einem Weblog haben, überhaupt keine Antwort. Und sicherlich ist auch die Erklärung von PWP durch Personal Agenda Setting [PAS] nur ein erster, differenzierungsbedürftiger Ansatz.
Persönliches Agenda Setting [PAS], ist essentielle Grundvoraussetzung für PWP: Ausschließlich der Autor bestimmt, was, wann, wie und wo publiziert wird. Es gibt keine, höchstens minimale externe redaktionelle Vorgaben oder Kontrollen. Dem zeitlichen Aspekt kommt dabei eine sehr wichtige Funktion zu, da er Dritten kenntlich macht, welche Themen für den Autor aktuell sind und welche gerade nicht mehr auf seiner persönlichen Agenda sondern im Archiv stehen.
Dialoge Kommunikation ist die zweite Voraussetzung: Sie erfordert die grundsätzliche Motivation und Offenheit, Wissen und Informationen zu externalisieren, zu teilen, zur Diskussion zu stellen und nachhaltig Feedback einzufordern und zu erhalten. Das Ziel besteht kaum in abschließenden Top-Down-Erklärungen, sondern in der Auseinandersetzung mit Dritten, die das Thema ebenfalls interessiert oder angeht. Ein wichtiges Mittel sind daher Meinungen und Hypothesen.
Reflexion eigener, gerade auch früherer Gedanken und Gedanken Dritter ist nicht determinierend. Sie ist allerdings, in Anbetracht der dialogen Kommunikation, äußerst nahe liegend, sehr förderlich und daher häufig anzutreffen. Dies wird leicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Ideen, insbesondere gute Ideen, selten vom Himmel fallen. PAS und dialoge Kommunikation sind insofern Voraussetzungen, Reflexion fortlaufender Prozess und Ergebnis von PWP.
Weblogs bieten sich aktuell als Technologie an, da sie sämtliche Voraussetzungen von Haus aus mitbringen, um PWP effektiv und effizient zu unterstützen. Zu nennen sind vor allem die Möglichkeiten, äußerst einfach und kostengünstig zu publizieren, dabei einzelne, selbst minimalistische Posts mit einer einzigartigen URI zu versehen und dadurch für Dritte direkt verlinkbar zu machen, als auch die chronologische Darstellung im Hinblick auf das Agenda Setting. Die übliche parallele Distribution von Webfeeds im XML-Format unterstützt nicht nur diese Chronologie, sondern zusätzlich das Networking verschiedener Autoren durch eine synchrone und, wenn vom Empfänger gewünscht, sogar unterbrechende, also störende Übermittlung der vollständigen Inhalte, Zusammenfassungen oder Überschriften samt direktem Link zum entsprechenden Post. Webfeeds stellen sich insofern als die eigentliche 'Killer Application' dar: Sie vernetzen die Autoren der ansonsten inhaltlich wie technisch autarken Weblogs zu thematischen oder personalen Netzwerken.
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