10/08/2004 [#] Media | Weblogs
Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? ist nicht nur zufälliger Titel von Wolfgang Hagens Sammelband der letzten Interviews mit dem Soziologen Niklas Luhmann. Die Antwort Luhmanns ist recht einfach nachzuvollziehen: "Weil es in den wenigen Momenten, wo ich Zeit habe, nie irgendwas kommt, was mich interessiert." [S.85] Tatsächlich geht Luhmanns Antwort zum Thema Fernsehen aber viel weiter, wie Hagens Nachfrage, ob es einen prinzipiellen Ausschlussgrund dem Medium gegenüber gebe, deutlich macht: "Nein, ich meine, was nachteilig ist, ist, dass es alles sequentiell läuft."
"Wenn man also irgendwo in eine Sequenz einsteigt und irgendwann wieder abschaltet, während man bei Zeitungen ja sich raussuchen kann: Ich lese jetzt nur noch die Börsennachrichten, und ich lese Sport auf keinen Fall, aber vielleicht Firmennachrichten aus der Wirtschaft oder ich lese Politiknachrichten, aber nicht das, was in den Parteien vor sich geht usw. Man kann dann also Schwerpunkte wählen und auch den Zeitpunkt bestimmten, in dem man etwas liest. Das ist eine sehr persönliche Teilnahme an Kommunikation entgegen allem, was man von Massenmedien hört. Man wählt sehr persönlich aus, den Zeitpunkt, den Ausschnitt und so weiter, und das ist nicht vorgegeben durch die Drucktechnik. Aber es ändert nichts daran, dass man, was immer man auswählt, wieder in die Konstruktion einer Welt hineingezogen wird."
Gerade hinsichtlich der Frage des Konstruktivismus der Medien, ist es mehr als bedauerlich, dass Luhmann das Internet mitsamt seinen differenzierten und rückgekoppelten Facetten von Kommunikation, etwa mittels Foren, Newsgroups, Weblogs und Wikis, nicht mehr erlebt hat. Luhmanns Antwort auf Hagens Frage: Sie haben "... sehr pointiert behauptet: 'Die Welt, die wir kennen, kennen wir durch die Massenmedien.' Das heißt, Sie behaupten, wir kennen unsere Welt nicht - es sei denn durch die Massenmedien", würde heute vielleicht anders lauten [S.8of.]:
"Ja. Im Großen und Ganzen schon. Ich meine, natürlich bleibt ausgenommen, dass ich weiß, ob ich meine Blumen begossen habe oder nicht. Das kann ich ja nicht im Fernsehen oder in den Zeitungen lesen. Also, es gibt so eine Nahwelt, die sich verfranst mit dem, was man dann über die Massenmedien kennt. Aber wenn man den Weltbegriff wirklich als Universum nimmt, ist das, glaube ich, richtig. Sie haben in Printmedien alles gelesen oder über die Medien gehört und dabei ist das, was die Nachbarin erzählt, von geringerer Bedeutung im Verhältnis zu dem, was das Fernsehen oder die Zeitungen berichten. Das ist ein prinzipieller Konstruktivismus."
Natürlich ändert auch partizipatorische Onlinekommunikation, insbesondere natürlich der zugrunde liegende Individualjournalismus, nichts an der grundsätzlichen Problematik der Realitätsdarstellung. Allerdings: Was ist Individualjournalismus anderes als die Nahwelt der Nachbarin? Das Internet ist eben gerade kein 'Massenmedium' im klassischen Sinne, selbst wenn die Reichweite dies so leicht und doch fälschlich vermuten lässt. Im Sinne von Luhmann ist das Internet allerdings sehr wohl Massenmedium, denn es bedient sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung und es findet keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger statt. Obige Antwort könnte heute also durchaus anders ausfallen.
Ein schönes Beispiel der Differenz zwischen klassischen Massenmedien und dem Internet sind Portale wie dooyoo, die Meinungen Einzelner aggregieren: Sie beeinflussen bereits heute Tausende, wenn es um die Entscheidung für oder gegen ein spezifisches Produkt geht. Dabei versuchen sie erst gar nicht, 'die Wahrheit' darzustellen, letztendlich also zu konstruieren. Sie dokumentieren vielmehr nur die Nahwelt in Form von Erfahrungen vieler Einzelner. Die Aufgabe der Konstruktion liegt beim Empfänger und nur sehr bedingt beim originären Sender. Gleiches gilt, aufgrund der Personifizierung umso stärker, für Weblogs. Auf die Frage nach der Bedeutung des prinzipiellen Konstruktivismus für die Arbeit der Medien, antwortete Luhmann [S.81, S.84]:
"Ich meine, die Frage ist, was jetzt mit Wahrheit gemeint sein kann. Dass es keine wissenschaftliche Wahrheit ist, die also auf Unsicherheit, auf Zukunft, auf 'was fehlt uns noch' und so etwas bezogen ist, ist klar. Und dass wir die Realität, so wie sie wirklich ist, wenn es so etwas überhaupt gibt, nicht in die Kommunikation einbauen können, weil das immer eine Auswahl erfordert, das ist auch klar. Insofern: Der Einwand vermisst etwas, was es nicht geben kann aus meiner Sicht, nämlich eine direkte Übernahme von Realität, was immer das ist, in Kommunikation. ... Wenn ich sehe, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, Welt wahrzunehmen, als über Berichte, die immer etwas beleuchten, etwas unbeleuchtet lassen, immer ein 'marked' und ein 'unmarked space' erzeugen ... Man kann eine Entscheidung nicht reflektieren, außer wenn man sie von einer anderen Unterscheidung unterscheidet. Aber was ist das Problem? Ich meine, dass man, wenn man das realisiert, deswegen keine Zeitung mehr lesen würde, ist ja doch unwahrscheinlich."
Dieses prinzipielle Problem der Realitätsdarstellung und Kommunikation von 'Wahrheit' wird auch das Internet nicht ausräumen können. Den insofern perfekten individuellen, also erfahrungsmäßigen Zugang zur Welt kann auch das Internet nicht realisieren. Aber nicht nur der potentielle Zugang zum Nahbereich von Millionen anderer Menschen verdeutlicht die besondere Differenz zu herkömmlichen Massenmedien. Gerade das World Wide Web gibt dem Konsumenten von Inhalten die Möglichkeit und die Pflicht, selbst Schwerpunkte zu setzen und den Zeitpunkt des Konsums individuell zu bestimmen. Wenn gewünscht, besteht heute darüber hinaus die einfache Möglichkeit für jeden, selbst zu publizieren, und damit eine besondere Option für Dritte zur persönlichen Teilnahme an persönlicher Kommunikation.
Die Welt bleibt konstruiert. Aber selbst hinter der konstruktivistischen Brille rückt sie deutlich stärker in den Nahbereich, den klassische Massenmedien gar nicht erst erreichen wollen und erreichen könnten. Ganz offensichtlich trifft diese Differenz nicht nur den Zeitgeist einiger weniger, sondern ist mittlerweile fest für die Mehrheit der Medienkonsumenten etabliert: Dass es nicht nur immer mehr Onliner gibt, sondern diese auch immer länger, immer mehr Inhalte online konsumieren und vor allem: produzieren, ist wohl mehr als ein deutliches Votum, denn auf der anderen Seite verlieren klassische Medien an Nutzungszeit. Weblogs schwimmen zurzeit ganz oben auf dieser Welle und sorgen schon heute für eine Evolution der Medien insgesamt: Reflexion über Reflexion über Reflexion über Reflexion über Reflexion... Niklas Luhmann hätte sicherlich viel Freude daran, einmal ganz davon abgesehen, dass sich auch sein 'Verzetteln' mit einem Wiki deutlich einfacher gestalten würde als mit einem Zettelkasten [vgl. S.103ff.].
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